Mittwoch, 3. Mai 2017

Der letzte Sommer




Der letzte Sommer war vor einem Jahr. Damals war ich noch so glücklich. Glücklich mit ihm. Meinem Fels in der Brandung, meinem Sonnenschein in dunklen Tagen. Der Mensch, der mich am besten kannte. Diese Zeit war wunderbar. Denn ich habe sie mit ihm erleben können.


Als ich die ersten Gänseblümchen gesehen habe, habe ich vor Glück gejauchzt. Der Sommer war mir schon immer die liebste Jahreszeit gewesen. Ich liebte es, mit nackten Füßen durch das weiche grüne Gras zu gehen. Mit ihm an meiner Hand. Und wenn wir uns dann die Hügel runter rollten, hatten wir anschließend immer jede Menge blaue Flecken. Doch das hat uns nichts ausgemacht. Im Gegenteil. Wenn wir unten angekommen waren, hat er sich auf mich geschmissen und mich durchgekitzelt. So lange, bis ich vor lauter Lachen keine Luft mehr bekommen habe. Er war nicht kitzelig, leider. Dafür hat er immer mit mir gelacht und sich mit mir im Klee gekugelt.

Im letzten Sommer sind wir fast jeden Tag baden gegangen. Etwa hundert Meter von unserem Haus entfernt war ein kleiner Baggersee. Dort lagen wir dann von morgens bis abends oder sind im kalten Wasser schwimmen gegangen, haben herumgetollt wie kleine Kinder, Wasserball gespielt oder uns einfach nur angeschaut. Er hat sich über mich lustig gemacht, weil ich nie richtig braun wurde. Im Gegensatz zu ihm. Er hätte genauso gut ein Italiener oder Spanier sein können, seiner Bräune nach zu urteilen.

Oder wir waren reiten. Er hasst Tiere, besonders Pferde. Doch er ist trotzdem mit mir gegangen, nur mir zu Liebe. Und im Endeffekt hatten wir dabei immer jede Menge Spaß. Besonders, wenn er mal wieder von seinem... Gaul, wie er das Pferd nannte, runter fiel, habe ich so sehr gelacht, dass ich beinahe auch auf dem Boden gelandet wäre. Aber nur beinahe. Denn bevor ich fiel, hat er mich vom Pferderücken gezogen, auf seinen Arm, und wir haben gelacht, bis uns die Tränen kamen.

An meinem letzten Geburtstag hat er mir das schönste Geschenk überhaupt gemacht: Ein kleines, süßes Kätzchen. Obwohl mein Vater es nie erlaubt hätte, hat er mir ein Tier gekauft. Er meinte, es hätte so kläglich miaut. Eigentlich wollte er nämlich einen Grashüpfer fangen. Den hätte ich dann ja eh frei gelassen. Aber dann hat er diese Katze gesehen und sie mitgebracht. Und sie ist so... süß. Wie er. Sie hat schwarzes Fell, das seinen Haaren ähnelt. Wir haben sie auch manchmal mitgenommen. Bei Fahrradtouren saß sie in einem Korb vorne an meinem Lenker. Leider hat ihr das nicht sonderlich gut gefallen und so haben wir sie nach einigen missglückten Versuchen schließlich zu Hause gelassen.

Er hat mich immer vor allem und jedem beschützt. Bei Gewittern ist er zu mir gekommen, und wir saßen zusammen auf meinem Bett in eine Decke gekuschelt und haben den Blitzen, die am Himmel erschienen sind, zugeschaut und dem Regen zugehört. Wenn es dann aber gedonnert hat, hat er mich ganz fest in seine Arme genommen und mich gehalten.
Einmal kam dann ein Junge. Er hatte mich schon öfter in der Stadt gesehen und wollte jetzt mit mir etwas trinken gehen. Ich aber wollte nichts mit ihm zu tun haben. Was ihm natürlich nicht gefallen hat. Welcher Junge bekommt schon gerne von einem Mädchen einen Korb?! Und dann kam er und hat den Jungen verscheucht. So oft hat er mir geholfen, sich beschützend vor mich hin gestellt.

Letzten Sommer gab es oft solche Gewitter und mich haben auch mehr als einmal irgendwelche seltsamen Gestalten angesprochen. Doch er war immer zur Stelle. Dank ihm ist mir niemals etwas passiert.

Er war der mutigste, aufopferungsvollste, verantwortungsvollste, liebevollste Mensch den ich kannte. Mein persönlicher Held. Mein Spiderman, mein Robin Hood, mein Lucky Luke.

Und das war er auch, wortwörtlich. Lucky Luke, meine ich. Er war immer glücklich und freundlich zu jedem. Egal, ob irgendjemand ihn genervt oder geärgert hat. Außer wenn es um mich ging. Dann war er eine Raubkatze, die ihre Beute um jeden Preis verteidigen will. Und der Preis war hoch. Er verbrachte jede Minute mit mir, ließ mich nie aus seinen Augen. Und trotzdem war ich frei, konnte machen was ich wollte. So lange er dabei war, um auf mich auf zu passen.

Er kannte mich, wie kein anderer Mensch mich kannte. Niemand außer ihm wusste, dass Gänseblümchen meine Lieblingsblumen sind, dass meine Lieblingsfarbe das Grün des frischen, saftigen Grases ist, dass ich nur roten Nagellack besaß. Er wusste, dass ich es liebte, Marshmallows über einer Kerze zu braten. Und er kannte meine Vorliebe für Blumenröcke. Ich glaube, er kannte mich besser als ich mich selbst. Irgendwie gruselig... Aber ich habe ja auch praktisch mein ganzes Leben mit ihm zusammen verbracht.

Wer uns nicht kannte, dachte, er wäre mein Freund. Und das war er auch. Mein bester Freund. Der beste, den man nur haben kann. Und außerdem der weltbeste Bruder.

Und nun ist er tot. Für immer von dieser Welt verschwunden, von ihr gelöscht.

Doch was bleibt ist die Erinnerung. Die Erinnerung an ihn. Die Erinnerung an unseren letzten gemeinsamen Sommer.



Diesen Text habe ich vor ca. 2 oder 3 Jahren für einen Wettbewerb geschrieben. Er gefällt mir auch jetzt noch sehr gut und ich wurde irgendwie ein bisschen traurig, als ich ihn nun wieder gelesen habe.
Diese Szenen sind nie passiert, entsprechen also meiner Fantasie. Trotzdem sind einige meiner eigenen Charaktereigenschaften enthalten, die ich, als ich den Text schrieb, wohl eher unbewusst miteingearbeitet habe.
Wie sieht es denn bei euch aus? Schreibt ihr eure Gedanken auch gerne mal nieder?

Liebst,
Miriam

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen